Ich habe in unserem 2012er Norwegen-Urlaub viel über die Geschichte und das Wirtschaftssystem dieses Landes gelesen und muss sagen: das Thema nimmt mich mehr und mehr für sich ein. Das Norwegen nicht der EU angehört, hatte ich bislang als nationales Relikt abgetan. Wenn man aber versteht, wie der norwegische Wohlfahrtsstaat funktioniert, wie die Leute hier denken und handeln und was sie hier in den letzten 50 Jahren erreicht haben, versteht man die Notwendigkeit dieser Entscheidung. Gerade in Anbetracht der aktuellen Finanzkriese.

Norwegen schützt sich selbst!

Das einstige Armenhaus Europas, dass es bis in die 50er Jahre hinein war, mauserte sich dank atemberaubender Öl- und Gas-Funde praktisch über Nacht zu einem der reichsten Länder der Welt. Norwegen ist dank der enormen Einnahmen schuldenfrei. Das bevölkerungsarme Land mit seinen gerade mal 5 Mio. Einwohnern hat dafür gut 350 Mrd. EUR (!) auf die hohe Kante geschafft, den sogenannten „Ölfond„, der das Land langfrisig absichert. Dazu kommt eine Arbeitslosigkeit von gerade mal 3%.

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Diese Rahmenbedingungen ermöglichen ein System das für uns Deutsche schwer vorstellbar ist. Hier werden die Ölmilliarden nicht in abstruse Immobilienprojekte gesteckt (man denke z.B. an Palm- oder World-Island in den Emiraten) sondern sinnvoll weil langfristig investiert u.a. in Infrastruktur, Bildung und Hightech. Dem norwegischen System liegt zudem ein besonderes Verständnis von Gleichheit und Gerechtigkeit zugrunde: „rettferd“ genannt. Demnach sollen die Reichen nicht weniger bekommen, sonder die Armen mehr. Soziale Getechtigkeit wird hier wirklich großgeschrieben und offenbar garnicht oder kaum ausgenutzt.

Simples Sozial-Versorgungssystem

Hinzukommt ein simples Sozial-Versorgungssystem, das aus der Feder von Friedrich Merz stammen könnte: eine Kasse kümmert sich um alles! Sozialleistungen, medizinische Versorgung, Umschulungen etc. p.p. – der Staat zahlt wenn es dir zusteht. Und dem Norweger steht grundsätzlich EINIGES zu. Zum Beispiel 3.300 NOK Haushaltsgeld pro Monat für Elternzeit oder 100.000 NOK im Jahr Grundrente bei Erwerbsunfähigkeit um nur zwei Beispiele zu nennen.

Hinzu kommt die staatliche verordnete Grundeinstellung, ein guter Mensch zu sein. So soll eine ehemalige Ministerpräsidentin mal gesagt haben:

Es ist typisch norwegisch, gut und gerecht zu sein!

Um ein solches System zu ermöglichen, gibt es einige Grundregeln, die ich mal versuche zusammenzufassen:

  • Sei fair! Jeder bekommt hier die selbe Chance! Egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft oder welcher sexuellen Orientierung – jeder ist Willkommen!
  • Sei ehrlich! Betrug, gerade der am Fiskus, wird hart bestraft. Dafür werden aber ALLE Gehälter offengelegt. Kein Spaß: du kannst hier einmal im Jahr in der Zeitung lesen was dein Nachbar verdient.
  • Hilf anderen! Die Norweger setzen sich wie kaum ein anderes Volk für Gleichberechtigung, Demokratie und Wirtschaftshilfe ein.
  • Sei frei! Hier darf der Bürger sich dank des sogenannten „Jedermannsrechts“ überall frei bewegen und sich alles ansehen. Die Natur gehört ALLEN Norwegern, heißt es daher auch. Zudem haben wir auf der ganzen Reise nie Polizei gesehen. Auch nicht im Einsatz z.B. gegen Temposünder, wovor wir wegen der drakonischen Strafen gewarnt worden waren. Der Staat traut seinen Bürgern offenbar zu, die Regeln einhalten zu können, ohne ständig kontrolliert zu werden. Und das klappt wirklich. Norweger fahren eigentlich nie schneller als erlaubt und lassen den unbewusst drängelnden Deutschen ohne zu murren vorbei wenn er es eiliger hat als erlaubt 😉
  • Interessiere dich! Politische Mitbestimmung wird hier hoch geachtet. Norwegen belegt dabei laut UN-Report Platz eins in der Welt.

Zugegeben: Aus unsere Sicht klingt das alles recht naiv und utopisch. Aber dieses Land lebt dieses System. Zweifelsohne beflügeln die prall gefüllten Kassen und die daraus resultierende Sorgenfreiheit eine solche Denke, aber ist es nicht spannend, mal darüber nachzudenken, was davon bei uns funktionieren könnte? Irgendwie hat es die norwegische Gesellschaft hinbekommen, einen ausgewogenen Mittelweg der sozialen Gerechtigkeit zu beschreiten. Für mich liegt die Basis dieses Systems im Bildungswesen und im Vertrauen in die Bürger. Wissende Menschen agieren entsprechend der zu erwartenden Konsequenzen und nur solche Menschen lernen den Wert einer solchen Gesellschaftsform zu schätzen.

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